Kurzgeschichte zu Frühling und Wonnemonat Mai

Das Tattoo (Monika Korbach)

Ich sehe es sofort an Klaras Blick. Der fällt schon beim Austeilen der Speisekarten auf den Oberarm der jungen Kellnerin. Und dann bei der Aufnahme der Getränke gleich wieder. Ich selbst habe nur Augen für ihr Gesicht. Für diese kugelrunden, großen braunen Augen und diesen überaus zutraulichen, freundlichen Gesichtsausdruck, welcher mich an eine Titelseite meiner damaligen Schülerzeitschrift „Der Tierfreund“ erinnert, und zwar an die Ausgabe mit der dort abgebildeten Haselmaus.

Meine Freundin Klara ist strenger. Trotz des kaltnassen Januartages trägt das Mädchen ein kurzärmliges, petrolfarbenes T-Shirt, passend zur Inneneinrichtung des kleinen, feinen Speiselokals in der historischen Altstadt. Das kurzärmlige Baumwollshirt – der Rest ihrer Bekleidung ist an dieser Stelle unerheblich – ließ ihren rechten Oberarm frei. Darauf prangt ein großräumiges Tattoo. Nichts Banales oder Bekanntes, etwa etwas Herziges oder Blumiges, eine Jugendstilranke zum Beispiel, oder einen in kursiv, also nach rechts geneigten, zierlichen Schriftzug mit dem Namen Kevin. Dieses Tattoo ist ein gänzlich oberarmumgreifendes unübersehbar figürliches Motiv. Ein Totengerippe. In der Medizin würde man von einem Skelett sprechen. Allerdings – und das kommt in medizinischen Abbildungen eher selten vor – mit einem Martiniglas in der Hand. Und um dem Ganzen eins draufzusetzen, trägt dieses Gebilde einen Hut, genauer gesagt einen schwarzen Zylinder.     

Spätestens nach dem dritten Erscheinen der Kellnerin haben wir es alle gesehen. Auch ich. Aber allein an Klaras stierem Blick merke ich, und das kenne ich inzwischen, dass jetzt gleich etwas passieren wird. Eine Frage, besser gesagt, eine Nachfrage, die nicht mehr zurückzuhalten ist. Klaras augenblickliche Fixierung und die leicht gekräuselte Stirn verraten mir deutlich, was in ihr vorgeht. Deutlich im Sinne von zunächst nachdenklich, dann kritisch bewertend bis hin zu einer unumkehrbaren Aburteilung. Zwischendurch wechselt ihr Ausdruck zurück ins Neugierige und offen Interessierte. Klara wird die junge Frau zur Rede stellen. „Darf ich Sie etwas fragen? Das Tattoo an ihrem Oberarm – was bedeutet das? Für Sie? Also, wenn die Frage erlaubt ist…“

Klara, ach Klara – ich weiß genau, dass du das Ding abgrundtief abscheulich findest, aber du hast so eine gewisse Art … Dabei erledigt meine Freundin eine gehörige Portion innerer Arbeit, um ihr Unverständnis und sämtliche gepflegten Vorurteile in Schach zu halten. Und anfangs gelingt es ihr. „Ach nee, wat is dat denn?“ Fast herzlich klingt es. Doch dann changiert der Ton beinahe unmerklich zu einer leisen Provokation. Für die Befragte kaum, oder um genau zu sein, überhaupt nicht spürbar. Ich weiß nicht, wie Klara das hinkriegt. Es funktioniert.

„Aber gerne doch“, plappert die Bedienung fröhlich los. „Wissen Sie, das Tattoo bedeutet mir… Also ich, so stelle ich mir das jedenfalls vor, also ich, wenn das möglich ist, dann möchte ich bis ins hohe Alter lebendig bleiben. Und auch dann noch, wenn ich älter werde, also wenn ich so richtig alt bin, kurz vorm Ende sozusagen… dann möchte ich tanzen und lachen und Martini trinken und jeden einzelnen Tag genießen!“

Die Schweigeminute an unserem Tisch wäre dem Andenken einer angesehenen, vor kurzem verstorbenen Politikerin, Frauenrechtlerin oder Literaturnobelpreisträgerin würdig gewesen.

Klara, ihr fehlen selten die Worte, nimmt als Erste die Konversation wieder auf. „Supi tupi. Na, dann wird Ihnen gefallen, warum wir heute zu Gast sind. Darf ich vorstellen…“ Klara wies schwungvoll nach links. „Das ist meine Frau – wir haben vor genau einer Stunde geheiratet. Doro ist vor ein paar Tagen 80 geworden und ich bin jetzt 66!“

Wieder eine Schweigeminute. Etwas kürzer diesmal, wie knapp vor dem Tusch, einem „Tatatataa…!“ Die junge Serviererin hat Mühe, ihr Mäusemündchen zu schließen. Sicher wird sie demnächst entlassen, weil sie so lange an unserem Tisch bleibt, ohne die Speisen zu holen. Die Küchenklingel läutet schrill. Mehrfach und in Minutenlänge schlägt die Bedienung sich auf die Oberschenkel: „Nein! Ist das wahr? Genauso meine ich das! Ich glaub‘s ja nicht! Das gibt’s‘ ja nicht! Genauso!“

Das Essen ist formidabel. Wenngleich auch nicht mehr richtig dampfend. Im Dessert für das Brautpaar – oder soll ich der Brautleutinnen sagen – finden sich bleistiftdicke, böllerähnliche Geschosse, die sich nach dem Anzünden durch unsere Kellnerin im petrolfarbenen Kurzarm-T-Shirt als friedliche Wunderkerzen entpuppen. Mit besonders langer Funkenintensität. Fast hätten wir mit der süßen Maus eine Polonaise getanzt. Ach was, mit allen Gästen im Lokal!